Auktion: 13 Tage
Stand 10.09.2026
In vergoldetem reliefiertem Kehlrahmen.
Beigegeben ein ausführliches Gutachten von Nicholas Turner, Halstead, 28. Dezember 2017 in Kopie, in der Turner feststellt „there can be no shadow of a doubt that the newly-discovered Persian Sibyl is from Guercino‘s own hand“.
Dem im Rom befindlichen Gemälde gingen mehrere sogenannte Bozzettoni voraus, wie Turner ausführt. Dass unser – bisher noch unpubliziertes – Gemälde als Vorstudie gedacht war, so Turner, ist etwa an den dünner aufgetragenen Farbschichten erkennbar und dem leichteren Pinselduktus, der auch den anderen Bozzettoni eigen ist, ebenso wie der Hintergrund nur eine dünne Farbschicht aufweist, sodass die braune Grundierung stellenweise durchscheint. Auch die Pigmentwahl weist auf die Verwendung als Vorstudien hin, da die Kosten für die Erstellung limitiert waren, musste Guercino an den Pigmenten sparen.
Die Darstellung der Sibyllen – antiker Seherinnen, die als Vermittlerinnen göttlicher Weissagungen galten – erlebte im 17. Jahrhundert eine Blütezeit, insbesondere in der italienischen Barockmalerei. Die Persische Sibylle gehört zu den fünf Sibyllen, die traditionell in der christlichen Ikonographie mit den Propheten des Alten Testaments in Verbindung gebracht wurden. Ihre Darstellung durch Giovanni Francesco Barbieri, genannt Guercino (1591–1666), in den Kapitolinischen Museen in Rom – zu dem wir hier die vorangehende Version anbieten- zählt zu den bedeutendsten Beispielen dieser Tradition. Guercinos Werke zeichnen sich durch dramatische Lichtführung, lebendige Farben und eine betonte Bewegung der Figuren aus – Merkmale, die auch in der Persischen Sibylle deutlich werden. Im Gegensatz zu den idealisierten, ruhigen Kompositionen der Renaissance suchten Barockkünstler wie Guercino nach Ausdrucksstärke und Unmittelbarkeit, um den Betrachter in den Bann zu ziehen.
Die Persische Sibylle ist eine der zwölf Sibyllen der Antike, die in der christlichen Kunst oft als Allegorie auf die Vorahnung der Geburt Christi gedeutet wurde. In Guercinos Darstellung hält sie meist ein Buch oder eine Schriftrolle – ein Symbol für ihre prophetischen Schriften. Typisch sind auch Attribute wie ein Turban oder exotische Gewänder, die auf ihre Herkunft aus dem Orient verweisen. Die Sibylle verkörpert damit nicht nur antikes Wissen, sondern auch die Verbindung zwischen Heidentum und christlicher Heilsgeschichte. In den Kapitolinischen Museen ist die Persische Sibylle Teil eines Zyklus, der die Sibyllen und Propheten als Pendant darstellen soll. Diese Gegenüberstellung unterstreicht die Idee, dass die antiken Seherinnen – ähnlich wie die biblischen Propheten – die Ankunft des Messias vorhersahen. Guercino gelingt es in der hier angebotenen Vorstudie aber auch in der Version in Rom, die Sibylle nicht als statische Figur, sondern als lebendige, inspirierte Persönlichkeit darzustellen.
Guercinos Persische Sibylle besticht durch ihre dramatische Dreieckskomposition und den Einsatz von Chiaroscuro. Das Licht fällt von oben ein und betont das Gesicht und die Hände der Sibylle, während der Hintergrund in dunkleren Tönen gehalten ist. Diese Technik lenkt den Blick des Betrachters auf die zentrale Figur und verleiht ihr eine fast überirdische Präsenz, die ihre transzendente Bedeutung verdeutlicht. Die Farbpalette ist warm und erdtonlastig, mit Akzenten in Rot und Gold, die den exotischen Charakter der Sibylle unterstreichen. Die Pinselführung ist locker und expressiv, was der Figur eine dynamische, fast bewegte Erscheinung verleiht. Guercino verzichtet auf überladene Details und konzentriert sich stattdessen auf die Ausdruckskraft der Gestalt.
Das römische und unser Gemälde entstanden in einer Zeit, in der die Gegenreformation die Kunst stark prägte. Die katholische Kirche nutzte die Darstellung antiker Sibyllen, um die Kontinuität zwischen Heidentum und Christentum zu betonen – ein zentrales Anliegen der Barockzeit. Die Persische Sibylle war 1647 von Conte Carlo Rondinelli in Auftrag gegeben worden. Guercinos Persische Sibylle wurde bereits zu Lebzeiten des Künstlers als herausragendes Werk geschätzt. Heute gilt die Persische Sibylle als eines der wichtigsten Werke Guercinos und als Schlüsselwerk für das Verständnis der Barockmalerei in Rom. Sie verdeutlicht, wie antike Motive im Dienst der christlichen Botschaft stehen und gleichzeitig die künstlerische Freiheit des Barock zelebrieren. Wie häufig im Barock wird die Hauptfigur hierbei nah an den Betrachter gerückt, um sie in die Lebenswirklichkeit des Auftraggebers und Betrachters zu transportieren.
Maler der Bologneser Schule. Guercino lernte bei Benedetto Gennari (1563–1658), orientierte sich aber bald an Werken der Carracci-Familie. Sein Stil zeigt einen neuen Naturalismus. Er wirkte in verschiedenen Städten Italiens. Sein Werk umfasst über 100 Altarbilder und nahezu 150 weitere Gemälde in verschiedenen Sammlungen.
Literatur:
Vgl. Raffaele Bruno, Roma. Pinacoteca Capitolina, Bologna 1978, S. 65, Abb. 143, und S. 66.
Vgl. Barbara Ghelfi, Il libro dei conti del Guercino, Bologna 1997.
Vgl. Nicholas Turner, The paintings of Guercino. A Revised and Expanded Catalogue Raisonné, Rom 2017. (1490774) (13)
Guercino,
also known as “Giovanni Francesco Barbieri”,
1591 Cento – 1666 Bologna
PREPARATORY VERSION OF THE PERSIAN SIBYL FOR THE PAINTING IN THE CAPITOLINE MUSEUMS
Oil on canvas.
119 x 97 cm.
Accompanied by a copy of a detailed expert’s report by Nicholas Turner, Halstead, dated 28 December 2017, in which Turner states that “there can be no shadow of a doubt that the newly discovered Persian Sibyl is from Guercino’s own hand.”
According to Turner, the painting now in Rome was preceded by several so-called bozzettoni, full-scale preparatory versions. Turner considers the present, hitherto unpublished painting to have been conceived as such a preparatory study. This is evident, among other features, in the more thinly applied layers of paint and the lighter, more spontaneous handling of the brush, characteristics also found in Guercino’s other bozzettoni. The background is likewise only thinly painted, allowing the brown grounding to remain visible in places. The choice of pigments also supports its function as a preparatory version: since the costs involved in producing such studies were necessarily limited, Guercino used less costly pigments than he would employ for the finished painting. The Persian Sibyl was commissioned by Count Carlo Rondinelli in 1647. The work was already highly esteemed during the artist’s lifetime. Today, The Persian Sibyl, is regarded as one of the most important works of Guercino and a key work for the understanding of Baroque painting in Rome.
Literature:
cf. Raffaele Bruno, Roma. Pinacoteca Capitolina, Bologna 1978, p. 65, ill. 143, and p. 66.
cf. Barbara Ghelfi, Il libro dei conti del Guercino, Bologna 1997.
cf. Nicholas Turner, The paintings of Guercino. A Revised and Expanded Catalogue Raisonné, Rome 2017.